Warum ich wegen der „Menstruation“ die Feuerwehr rief.

Drei Uhr Nachts. Ich war von dem Gefühl aufgewacht, dass ich in einer Pfütze Blut planschte. Nun stand ich zitternd vor der Toilette und betrachtete einen Haufen rote, glibberige, geleeartige Masse in der Toilette. Hatte ich gerade meinen Uterus ausgeschieden?

Das, was gerade passiert war, lässt sich am besten mit dem Bild eines aufgebrochenen Staudamms im Amazonas beschreiben. Nicht schön. Und absolut ungewohnt. Das kleine Badezimmer sah aus, als hätte jemand gerade ein Schwein geschlachtet. Unmöglich, dass das meine Periode war. Mein Zyklus war bei Tag 10. Nach fieberhaften Überlegungen, wen ich jetzt anrufen oder zu Rate ziehen konnte –ein*e Expert*in für solch krassen Ausprägungen schwallartiger Menstruationsstunamis fiel mir nicht ein – wurde mir bewusst: Es musste eine Nachblutung sein. Scheiße, meine Spirale.

Kurzerhand wählte ich die 112. „Hallo! Ich habe mir vor einer Woche die Kupferspirale einsetzen lassen und jetzt gerade verliere so viel Blut, wie ich noch nie in meinem Leben gesehen habe! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Ding gerade abstoße oder innere Blutungen habe, aber dem Ausmaß roten Glibbers zufolge läuft gerade irgendwas schief. Bitte schicken sie einen Krankenwagen!“

Kurz darauf klingelten zwei junge Männer mit grellgelben Westen mit der Aufschrift „Berliner Feuerwehr“ an meiner Türe. Die beiden jungen Männer mit Erste-Hilfe-Koffer musterten mich besorgt, als ich sie in meine Situation einweihte. In ihren Gesichtern stand Überforderung. Und Angst. Eine brennende Couch wäre ihnen wahrscheinlich lieber gewesen, als eine Notfallpatientin, die in unkontrollierbaren Abständen Unmengen von Periodenblut in diese Welt ausstößt. Menstruation! Ah! Weiberkram! Igittigitt!

Als ich mit einem der Männer in den Hinterraum des Krankentransporters stieg, sah ich, wie blass er war. Die Frage, ob sitzen oder liegen besser sei, wollte ich ihm direkt zurückstellen. „Wenn das Blut kommt, dann kommt es. So oder so!“, drohte ich unweigerlich. „Schmerzen habe ich jedenfalls keine“. Der Mann schluckte. „Aber haben Sie jetzt…eine Binde oder sowas, was das Blut auffängt?“

Eine Binde dieser enormen Blutmenge auszusetzen hätte dem Versuch geglichen, einen Tsunami mit einem Bonbonpapier aufzuhalten. Ich ersparte ihm das Klugscheißen.

„Ich habe meine Menstruationstasse drinnen.“

Der Sanitäter blickte mich an wie ein Goldfisch. „Sie haben eine…“, er räusperte sich. „…Tasse da unten drin?“

Man konnte ihm das innere Ringen ansehen. War diese Patientin ein Fall für Gynäkologie? Oder sollte man besser gleich die Psychiatrie anzusteuern? Sein verdutzter Blick ließ die Vermutung zu, dass er sich gerade zusammenreimte, dass zerbrochenes Porzellan der Grund für meine Blutung war.

„Eine Menstruationstasse! Das ist eine wiederverwendbare Alternative zum Tampon! Aus medizinischem Silikon!“, erklärte ich schnell und deutete mit meinen Fingern die ungefähre Größe des Cups. „Funktioniert wie ein kleiner Auffangbehälter.“

Blöd, dass ich ihm meine rosafarbene Menstruationstasse nicht zeigen konnte. Das hätte die Sache bestimmt ein bisschen leichter gemacht. „Die drückt man so zusammen, führt sie sich ein und in der Vagina ploppt sie dann sozusagen auf und das Blut rinnt rein.“

Der Sanitäter verstummte. Er hatte noch nie von solch abstrusen Methoden gehört. Konnte ich ihm nicht verübeln, immer hin war er nicht nur nicht persönlich von der Periode betroffen, sondern hatte bestimmt auch im Beruf als Feuerwehrmann wenig damit zu tun.

Nachdem ich den Mann wohl überzeugen konnte, dass ich in meinen Angaben vertrauenswürdig war, landete ich in der Notaufnahme. Ein junger Arzt nahm mich als Patientin entgegen. Auch bei ihm löste das Worte „Menstruationstasse“ einen leeren Blick aus. „Eine was? Hab ich noch nie von gehört.“  Schlussendlich landete ich auf der Gynäkologie. Leider wusste auch die betreuende Krankenschwester, eine mütterliche Frau mittleren Alters mit rustikaler Berliner Art, nicht, was um Himmels Willen eine Menstruationstasse sein sollte. Während sie mir routiniert eine Nadel in den Arm pikste, berichtete ich ihr angeregt von den Vorteilen. „Die ist wiederverwertbar! Man muss sie einfach abkochen. Spart tausende Tonnen von Tamponmüll.“

Sie schenkte mir einen Blick als hätte ich ihr gerade erzählt, dass ich mit einem fliegenden Auto hergekommen war. „Was es heutzutage alles jibt! Haste nich jesehn!“

„Die Menstruationstasse wurde bereits in den 30er Jahren erfunden“, klärte ich sie auf. „Seit den 80er Jahren ist sie auf dem Markt erhältlich. Ich habe leider auch erst vor ein paar Monaten davon erfahren.“ Unweigerlich verfiel ich in den Redefluss, während mir noch mehr Blut aus den Venen gezogen wurde. Die Krankenschwester freute sich, dass ich abgelenkt war. „Wussten Sie, dass Tampons und Binden in Deutschland mit 19 Prozent Höchststeuersatz der Mehrwertsteuer versehen sind? Eine Frau bezahlt durchschnittlich in ihrem Leben einen vierstelligen Betrag, nur weil sie ihre Tage hat! Das sind Kosten, die für Männer nicht anfallen, dabei verdienen die sowieso durchschnittlich 20 Prozent mehr!“

Die Krankenschwester gab ein belustigtes Schnauben von sich, als sie mir die Nadel für einen Zugang in der Hand mit Klebeband fixierte. „Ja dit hab ick och schon jehört. Een Unding!“

„Ja! Dabei gibt es sowas wie die Menstruationstasse, die nicht nur einmal rund 25 Euro kostet und für viele Jahre hält, sondern dementsprechend auch tausende Tonnen Müll spart. Wussten Sie, dass eine herkömmliche Binde bis zu 90 Prozent aus Kunststoff besteht? Über Jahrhunderte sind die nicht ökologisch abbaubar!“ Eigentlich waren wir schon längst mit der Blutabnahme fertig. Aber einen Punkt musste ich noch machen. „Tampons und Binden packen wir uns an die empfindlichste Stelle unseres Körpers. Aber was da eigentlich genau enthalten ist – wer weiß das schon?! Hersteller sind nicht verpflichtet, dies auf Verpackungen anzugeben!“

Nachdem ich auch noch einen unschuldigen Pfleger darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass aufgrund fehlenden Zugangs zu adäquater Monatshygiene viele Mädchen auf der Welt nicht zur Schule gehen können und somit fast die ganze Notfallambulanz über die einschlägigen Konsequenzen dieses Tabuthemas aufgeklärt hatte, wurde ich untersucht.

Die merklich überarbeitete Assistenzärztin war die erste, die wusste, was eine Menstruationstasse ist. Leider war sie jedoch nicht gerade sehr freundlich. „Sie haben nur eine Blutung. Das ist völlig normal als Frau“, seufzte sie als wollte sie sagen: Und dafür musste ich wirklich die werdende Mutter von Drillingen im Kreissaal alleine lassen?

Auf mein Nachfragen bestätigte sie mir mit einem kurzen Kopfnicken, dass meine Gebärmutter noch da war und selbst die Spirale noch saß, wo sie hinsollte. Während ich immer noch wie ein Spanferkel auf dem Untersuchungsstuhl lag, kam das schlechte Gewissen und das Gefühl von Scham in mir hoch . „Entschuldigung…“, versuchte ich mich zu erklären. „Ich hab nur so viel Blut verloren, dass ich dachte, dass etwas nicht stimmt…“ Sichtbar genervt brachte die junge Ärztin ihr Ultraschall-Instrument aus den Tiefen meines Uterus wieder zurück ans Leuchtstoffröhren-Licht.“Ihr Blutdruck ist völlig in Ordnung. Sie können gar nicht viel Blut verloren haben.“ Mit einer flatschenden Bewegung glitten die Latexhandschuhe von ihren Händen. „Sie können jetzt gehen.“

„Wohin?“, fragte ich noch etwas verunsichert, da antwortete sie knapp: „Natürlich nach Hause. Wohin denn sonst.“

Der Weg zurück in meine Wohnung mit der ersten U-Bahn um fünf Uhr morgens fühlte sich an wie ein Walk Of Shame. Mir war das ganze fürchterlich peinlich. Nicht, dass ich eine Vagina hatte aus der manchmal Blut kam. Sondern weil ich nun als weinerliche Simulantin dastand und alle aufgehalten hatte.

Gleichzeitig kam aber auch die Wut in mir hoch. Warum ist Verhütung immer noch eine „Frauensache“? Warum mussten sich nicht Männer irgendwelche gruseligen, künstlichen Präparate für viel Geld, unter Schmerzen, Risiken, Geheimniskrämerei und Peinlichkeit an die empfindlichsten Stellen ihres Körpers einsetzen lassen? Oder Hormone nehmen, von denen sie zu weinerlichen, wandelnden Gewitterwolken werden und Gefahr laufen, ihre Libido zu verlieren? Und warum wusste bis heute niemand – nicht mal medizinisches Personal – von der Menstruationstasse Bescheid?

Menstruation ist keine „Frauensache“. Das Thema betrifft die ganze Gesellschaft.

Eine Frau* verbraucht im Leben rund 12 000 Binden und Tampons. Mittlerweile ist jeder fünfte Gegenstand, der an den Küsten an Land gespült wird, ein Monatsprodukt. Um diesen unnötigen Plastikmüll zu vermindern hatte man von Seiten des EU-Parlaments überlegt, Hersteller in die Verantwortung für die Entsorgung zu ziehen. Doch die drohten damit, die Preise zu erhöhen. Dabei kann sich laut einer aktuellen Umfrage von Plan International eine von zehn britischen Schülerinnen keine Tampons oder Binden leisten. Sie sind gezwungen, zu würdelosen, ineffizienten und unhygienischen Mitteln zu greifen und im Zweifelsfall das Haus nicht zu verlassen.

Dazu schreibt die WELT:

„Die EU versucht, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der zunehmenden Notwendigkeit, Plastik-Abfälle zu verringern, und der Sorge, dass höhere Kosten für Hygiene-Produkte arme Menschen benachteiligen könnten.“

-die WELT am 02.10.2018**

Leute, habt ihr alle Tomaten auf den Augen?

Wenn die Menstruationstasse seit ihrer Erfindung im Jahre 1937 (!) einfach bei jede*r Gynäkologen*in erhältlich wäre, hätten wir diese Probleme nicht. Würde man sich ernsthaft Gedanken machen, wie man junge Frauen* unterstützen kann, gleichberechtigte Perspektiven zu haben, würde man ihnen mit dem ersten Tag ihrer Periode die Monatsprodukte ihrer Wahl frei zur Verfügung stellen und nicht so ein dämliches Geheimnis daraus machen, dass die Hälfte der Menschheit nun mal hochgerechnet über sechs Jahre ihres Lebens aus der Mumu tropft!

Aber offenbar ist uns das Thema einfach viel zu peinlich. Selbst bei Greenpeace und im EU-Parlament war die Stimmung nach der ersten Debatte über Menstruationsartikel unangenehm oder „awkward“, wie es die Abgeordnete Lynn Boylan beschreibt.***

„Ich hatte zwei männliche Assistenten, bei denen sehr deutlich wurde, dass sie sich wirklich unwohl fühlten und das Thema wechseln wollten, wenn ich mit ihnen darüber sprach“

-Ariadna Rodrigo von Greenpeace EU.

Als mein Bett wieder frisch bezogen war, schlief ich trotzdem erleichtert ein. Die Gebärmutter saß noch, die Spirale auch und immer hin wussten seit heute mindestens vier Menschen mehr von den Vorteilen der Menstruationstasse Bescheid. Mich überkam ein Schmunzeln. Die armen Feuerwehrmänner, Ich hatte sie wahrscheinlich für immer traumatisiert.

 

Grafik: Tin_Art

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*nicht alle Menschen, die menstruieren sind Frauen und nicht alle Frauen menstruieren.

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Quellen:

**https://www.welt.de/wirtschaft/article181742086/Kampf-gegen-den-Muell-EU-riskiert-Strafsteuer-auf-Tampons-und-Binden.html

***https://www.politico.eu/article/europes-plan-for-plastic-has-period-pains/

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