WARUM DIE EINSTELLUNG ZUR MENSTRUATION DEINE PERSÖNLICHKEIT BEEINFLUSST.

von Lea Maria

Jede Frau* (Mensch, der/die menstruiert) kann sich an ihn erinnern. An den Tag, an dem sie das erste Mal ihre Menstruation bekam. Frage ich eine Frau, wie sie sich zu dieser Zeit gefühlt hat, bekomme ich meistens einen ziemlich detaillierten Ablauf des Geschehens zu hören.

Wie ich mich gefühlt habe?

Im ersten Moment war ich stolz. Klar! Endlich konnte ich mitreden. Und eine Frau war ich jetzt auch … Das sagte man mir zumindest. Danach war ich komplett überfordert. Woher kam das ganze Blut und wohin damit? Wie sollten diese Wattedinger jemals so bequem sein, wie es in Werbungen den Anschein machte? Kann ich irgendwann wieder ins Schwimmbad gehen, ohne mich alle 2 Minuten versichern zu müssen, dass der Stoffbändel des Tampons nicht zu sehen ist? Wie kann ich die Binde möglichst unauffällig mit auf die Schultoilette nehmen? Wird das jetzt jeden Monat so stressig? Und überhaupt, was sind das eigentlich für Schmerzen, die ich in meinem gewohnten Schmerzempfinden so gar nicht einordnen kann? Und anschließend kam die Resignation. Da saß ich nun mit 13 Jahren auf dem Klo und dachte mir: „Diesen Scheiß hast Du jetzt dein Leben lang!“

Die einzigen Gedanken, die ich mir über meine Menstruation machte, kreisten um den passenden Hygieneartikel und wie ich diesen richtig anwende, damit niemand das Blut zwischen meinen Beinen sieht – Ich im besten Fall mit eingeschlossen. Im Unterricht wurde die Menstruation mit keinem Wort erwähnt und auch unter den Freundinnen war nur wichtig, ob jetzt die o.b. s mit oder ohne Flügelchen besser sind. Natürlich wurde über die Menstruation geredet, aber nicht im Sinne einer Thematisierung der eigenen Menstruation und der damit verbundenen Gefühle, sondern eher in einer enteignenden Weise im Zusammenhang mit Menstruationshygiene oder mit Menstruationsbeschwerden. Das Ereignis war nach wie vor eines, welches indirekt mit Krankheit, Unreinheit und Übellaunigkeit assoziiert wurde. Was da jeden Monat in und mit meinem Körper passiert und was meine Hormone damit zu tun haben, wusste ich nicht. Und es interessierte mich auch gar nicht. „Ich habe einen weiblichen Zyklus, der mein Fühlen, Handeln und Erleben beeinflusst – mir doch egal! Merk ich nichts von.“

Heute sehe ich das angesichts der elementaren Bedeutung dieses Vorgangs als heftiges Defizit. Fast 10 Jahre (!) nach meiner ersten Menstruation hatte ich das große Glück, als Hospitantin bei einem Aufklärungs- und Präventionsprojekt (MFM Deutschland e.V.) dabei zu sein, welches Schulen besucht, um dort Mädchen (und separat Jungs in anderer Weise) den weiblichen Zyklus zu erklären und ihnen die Furcht vor der Menstruation zu nehmen. Angst hatte ich zwar keine vor meiner Menstruation aber dafür auch genau so wenig Ahnung. Und da saß ich nun, umgeben von einem Duzend 11- bis 13-jähriger Mädchen, mit offenem Mund und starrte auf die gigantische Gebärmutter zu unserer Mitte, die liebevoll aus bunten Tüchern und Perlen geformt war. In völliger Hingabe erklärte uns eine Frau den weiblichen Zyklus samt körperlicher und hormoneller Vorgänge. Ihre Faszination steckte mich an. Endlichbegriff ich, was Stömer und Wünsch in ihrem Buch „Ebbe und Blut“ in sehr passenden Worten formulieren:

“… dass es sich beim weiblichen Zyklus nicht nur um die Tage des Blutens handelt, sondern um eine intelligente, sehr charmante und hocheffiziente Wahnsinnserfindung des Frauenkörpers.“ (S. 13)

In mir mischten sich die Faszination darüber, was sich da jeden Monat in meinem Körper abspielt mit Bestürzung, dass ich das bisher noch nie so gesehen hatte. Um mich herum blickte ich in strahlende Gesichter, die pure Erleichterung und sogar ein bisschen Stolz zeigten.

Daraufhin begann ich selbst meinen Körper, meinen Zyklus und die monatliche Blutung mit ganz anderen Augen zu sehen und der ganzen Sache mehr Raum in meinem Alltag zu geben. Seitdem nehme ich mich ganz anders wahr, merke, dass ich unterschiedliche Entscheidungen treffe, je nachdem wo ich gerade in meinem Zyklus stehe und spüre, wie mir das eine gewisse Stabilität und Sicherheit gibt. Ich bin selbst-bewusster. Das alles klingt irgendwie ganz schön verrückt, aber ohne Spaß. Ich mag meinen Körper – und das ist ein wahnsinnig gutes Gefühl!

Mir war klar, dass ich meine Bachelorarbeit nutzen wollte, um mich noch mehr mit dieser Thematik zu beschäftigen. Und da stolperte ich bei meiner Recherche über eine Zahl, die ich so nicht erwartet hätte. In einer aktuellen Umfrage von einem jungen Start-Up aus Wien namens ‚Meine Regel. Mein Planet‘(2017) gaben 60 Prozentder 13- bis 17-jährigen Mädchen und jungen Frauen an, eine negative Einstellungzu ihrer Menstruation zu haben. Und das nicht etwa aufgrund von Schmerzen oder Peinlichkeit, sondern vielmehr aus einer Kombination aus Desinteresse und Unwissen heraus (Haaf 2017).

„Der aktuelle ‚Menstruationshype‘, in dem die weibliche Regel vor allem auf Social Media zunehmend enttabuisiert und als etwas Positives wahrgenommen wird, betrifft vorwiegend erwachsene Frauen. Junge Mädchen erleben die Regel hingegen nach wie vor negativ, was meist auch mit einem negativen Körpergefühl einhergeht“ (erdbeerwoche-Co-Gründerin Annemarie Harant).

Wie kommt es zu so einer negativen Einstellung, die nichts, aber auch wirklich gar nichts mit dem körperlichen Empfinden zu tun haben scheint?

Besonders eindrücklich ist wohl das Erleben der allerersten Menstruation, welche im Fachbereich auch ‚Menarche‘ genannt wird. Anders als andere körperliche Veränderungen während der Pubertät kommt die Menarche nicht langsam und klopft an. Die Menstruation fällt mit der Tür ins Haus und schreit: „Tadaaa, hier bin ich! Beachte mich!“ Von einem auf den anderen Tag musst Du dich jetzt mit dem eigenen Körper auseinandersetzen und auf einmal sind da komplett neue Verpflichtungen, die mit diesem körperlichen Vorgang mit einhergehen. Und dann gibt die Gesellschaft noch ihren Senf dazu. Doch die rennt nicht einfach durch die Tür. Nein…das wäre zu einfach. Die Gesellschaft rammt – ohne groß darüber nachzudenken – die komplette Wand ein, die Du dir in den letzten Jahren hübsch aufgebaut hast. „Toll, Du bist jetzt eine Frau, also benimm Dich auch so. Vorsicht Schätzchen, ab jetzt musst Du immer verhüten, Du könntest schwanger werden. Und pass bloß auf, dass niemand das Blut sieht… könnte peinlich werden. Nutze doch die o.b.s mit extra Frischeeffekt, damit Du dich nicht eklig fühlen musst. Und falls Du mal Schmerzen haben solltest, kein Problem, da hätten wir diverse Schmerztabletten ooooder wir verschreiben Dir die Pille, die nimmst Du ganz einfach durch oder Du lässt Dir am besten die Hormonspirale einsetzen. Dann bleibt die Blutung im besten Fall sogar ganz aus. Ob Du damit Angststörungen, Kopfschmerzen, Übellaunigkeit bekommst oder dich schlichtweg scheiße fühlst, sei jetzt mal außen vorgelassen.“

Äh, hallo? Überforderung vorprogrammiert und überhaupt, wie soll man denn bei solchen Eindrücken noch das Positive oder zumindest das Natürliche an der Menstruation sehen? Die Menstruation ist in unserer heutigen Gesellschaft immer noch so stark von sozialen Vorstellungen und fehlendem Faktenwissen geprägt, dass Mädchen schon mit einer negativen Erwartungshaltung ihre ersten Erfahrungen machen. Und wie prägend so eine erste Erfahrung sein kann, machen einige Studien deutlich. Demnach kann eine negative Erfahrung mit der ersten Blutung zu einer generellen negativen Einstellung zur eigenen Menstruation führen (Kluge 1998, S. 34ff, Flaake 2012).

Was noch erschwerend hinzukommt: Heute sind Mädchen im Schnitt 3 Jahre jünger als noch vor 100 Jahren, wenn die Menstruation das erste Mal einsetzt. Die Menarche kann somit in ein Alter fallen, in dem das Mädchen psychisch und sozial noch gar nicht ausreichend entwickelt ist um die Menstruation als ein Symbol von Fruchtbarkeit sehen zu können. Die Bejahung und Akzeptanz der neuen Weiblichkeit wird mit sinkendem Alter schwieriger und das wiederrum hemmt die positive Integration der körperlichen Veränderungen ins Selbstbild.

Kommen wir der Sache schon näher. Erst einmal ist da Desinteresse, was zu Beginn völlig normal ist. Aber die kippt in der Konfrontation mit der Realität in Überforderung und dann kommt die schlechte Bewertung. Dann sieht frau sich auf einmal nur noch mit einem ‚Hygienischen Problem‘ konfrontiert.

Nichtwissen kann gar nicht positiv bewertet werden. Eine negative Einstellung kommt dann durch negative oder fehlerhafte  Informationen und durch daraus resultierende schlechte Erfahrungen.

Wie beeinflusst die negative Einstellung hinsichtlich der Menstruation die Persönlichkeit junger Frauen?

Betrachtet man die Menstruation integriert in den gesamten weiblichen Lebenszusammenhang (und ja, das macht durchaus Sinn) wird schnell deutlich, dass das subjektive Menstruationserleben das Bild vom eigenen Körper und von sich selbst wesentlich beeinflussen kann. Wie eine junge Frau ihren Körper während der Menstruation wahrnimmt, wie sie körperliche Veränderungen integriert, wie sie von außen als menstruierende Frau wahrgenommen wird und wie sie das Wahrgenommene verarbeitet, ist ausschlaggebend für die Entwicklung der Persönlichkeit. Empirische Untersuchungen ergaben, dass ein negatives Erleben der eigenen Menstruation das Selbstbild einer Frau erheblich beeinflussen kann (Höcke-Pörzgen 1984, S.48ff, Mahr 1985, S. 102ff, Schlehe 1987, S. 229ff, Nitsch et Al. 1995, S.39ff).

Somit kann ein verschwiegener und negativer Umgang mit der eigenen Menstruation ganz schön heftige Folgen und Auswirkungen auf das (Er-)leben junger Frauen haben: Mangelndes Selbstvertrauen, innere Ablehnung des eigenen Körpers, negative Selbstwahrnehmung, Ablehnung des Frauseins und mangelndes Selbstbewusstsein (Raith-Paula 2015, S. 5).

Oha und jetzt?

Tatsache der Menstruation selbst: Egal, wie autonom und selbstbewusst eine Frau ist: Sie lebt in ihrem Körper und hat ihre Tage – ob sie nun will oder nicht. Daran ist nichts zu ändern. Aber an der Einstellung zur Menstruation kann einiges geändert werden. Die monatliche Blutung muss nicht einfach nur hingenommen werden. Vielmehr muss sie aus der ganzheitlichen Perspektive und in ihrer gesamten Komplexität betrachtet werden. Positiv bewertet und richtig begleitet, kann die Menstruation ein Körpervorgang mit ganz eigenen Qualitäten und Empfindungendarstellen. Die unausweichliche Realität der immer wiederkehrenden Menstruation bietet Mädchen und jungen Frauen die Möglichkeit, sich auf sich selbst zu beziehen, das eigene Geschlecht zu entdecken und somit die Verbundenheit mit dem eigenen Körper kennen zu lernen und zu verstehen. Die Menstruation ist somit eine Art ‚Leibliche Bühne‘ (Poluda-Korte 1998, S. 155). Das bewusste Erleben, die Aufmerksamkeit für den zyklischen Ablauf und das Hin-Fühlen verändern das Verhältnis zu sich selbst als Frau und macht sie sowohl körper-, lebens- und im umfassenderen Sinn selbst-bewusster.

Vom Erleben des eigenen Körpers und des Selbst hängt wesentlich ab, welche Wege das Mädchen am Übergang zu einer erwachsenen Frau einschlägt und welche Rolle sie in der Geschlechterbeziehung und in der Gesellschaft einnimmt. Ausschlaggebend dabei ist wiederum der gesellschaftliche Umgang mit der Menstruation. Es macht einen wesentlichen Unterschied für das Erleben, ob die monatliche Blutung von außen negiert und übergangen wird oder ob sie einen anerkannten Raum einnehmen darf, integriert in die Dynamik des gesamten Lebenszusammenhangs.

Zuallererst müssen wir also an dem Punkt ‚Desinteresse‘ ansetzen. Das Interesse an dem ‚Wunderwerk‘ Zyklus muss zu einem früheren Zeitpunkt geweckt werden. Im besten Fall bevordie Menstruation überhaupt einsetzt und so früh, dass die Erwartung daran erst gar nicht bedrohlich werden kann. Mädchen müssen lernen, die Symptome ihres Körpers zu kennen und einzuordnen. Diese Körperkompetenz gibt jungen Frauen (Selbst)-Sicherheit und ein neues Wohlbefinden in ihrem Körper (Raith-Paula, MFM Deuschland e.V.). Und das geschieht durch Angebote, wie ich es vor zwei Jahren in der Schule erfahren durfte. Machen, staunen und mit dem weiterarbeiten, was an Positivem geweckt wurde. Lasst uns die Menstruation positiv bewerten!

Also los, Mädels! Hebt Röcke und Hosen und betrachtet Euch. Wie schön Ihr seid – von Innen wie von Außen! Seid stolz auf euren weiblichen Körper! Habt Mut! Seid neugierig und fragt nach! Lernt, was Euer Zyklus jeden Tag macht und entdeckt Euch und Euren Körper! Fühlt hin, nehmt wahr und vielleicht erkennt Ihr ja auch (nur bitte bitte früher als Ich und nicht erst nach 10 Jahren) wie faszinierend Euer monatlicher Zyklus sein kann!


Zur Autorin:

Lea Maria studierte Soziale Arbeit in Freiburg. Im Zuge ihrer
Bachelorarbeit beschäftigte sie sich mit der Frage, ob ein positives
subjektives Menstruationserleben als Potential für ein positives
Selbstkonzept im Alter der Adoleszenz genutzt werden kann. Da ihr diese Angelegenheit sehr am Herzen liegt, befasst sie sich weiterhin intensiv mit
Themen rund um den weiblichen Zyklus. Besonders wichtig ist ihr das
Erreichen von Mädchen und jungen Frauen. Sie persönlich wäre sehr
dankbar über die Möglichkeit gewesen, ihren Körper schon eher ein
bisschen mehr lieben lernen zu dürfen.

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