WARUM BOLLYWOOD DIE GESCHICHTE DER INDISCHEN BINDEN-REVOLUTION ERZÄHLT UND WAS BILL GATES DAMIT ZU TUN HAT.

Es gibt Dinge auf der Welt, von denen man niemals erwartet hätte, dass sie eines Tages zusammenfinden würden. Heidi Klum und Tom Kaulitz, Barack Obama und der Friedensnobelpreis oder der Papst und Instagram (er hat 5,7 Follower!) – nur um ein paar Bespiele zu nennen.

Als ich erfahren habe, dass es einen Bollywoodfilm gibt, in dem das Thema Menstruation eine tragende Rolle spielt – lange Liebeslieder, bunter Kitsch, dramatische Szenen und aufwändige Tänze inklusive –war ich erst verdutzt und dann begeistert.

Wer ihn nicht schon längst gesehen hat: Es ist wirklich wert, mehr über die Hintergrundgeschichte dieses außergewöhnlichen Liebesfilms zu erfahren.

„Pad Man“ (zu Deutsch „Bindenmann“, ich verstehe den Titel aber eher als Anlehnung an „Superman“ ) – erstmalig erschienen im Februar 2018 – basiert nämlich auf einer wahren Begebenheit. Der knapp zweieinhalb stündige Film beschreibt das Leben des Arunachalam Muruganatham. Als ursprünglich einfacher Schweißer aus dem Süden Indiens wurde er zum waschechten Revolutionär im Gebiet der Menstruation (aber dazu später ausführlicher).

Die filmische Biografie beginnt im Jahr 1998, nach der Hochzeit mit seiner Frau Shanthi (im Film Gayatri). Muruganatham, der im Film Laxmi heißt, ist wahnsinnig vernarrt in die junge, reizende Frau (was Ausdruck in unschuldigen Gesten und gesanglichen Bekundungen ihres Glücks findet) und ließt ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Doch einmal im Monat zieht sich seine Geliebte für fünf Tage auf den Balkon zurück, um wie ein unreines Straßentier draußen zu bleiben, auch zum Schlafen. (Schätze, das nennt man dann Kultur). Obwohl Mutter Laxmi/Muruganatham, die im selben Haus wohnt, ihrem Sohn jeglichen Körperkontakt zu seiner Frau zu „dieser Zeit“ (von Menstruation sei hier keine Rede) verbietet, bleibt unser progressiver Held hartnäckig. „These Rituals are for fools! Create new Rituals!“ Der Regel wiedersprechend (haha, kleiner Witz am Rande) nähert er sich seiner aus kultureller Sicht kontaminierten Frau und kickt dabei einen herumliegenden Lappen über den Boden. Shanti/Gayatri – schlagartig in Panik versetzt – versteckt diesen schnell unter ihrem schweren Wickelkleid, das auf einer Wäscheleine trocknet. Er ruft noch „This dirty rag will soil your sari“, da stellt sich irgendwie heraus: Den dreckigen Stofffetzen benutzt die arme Frau als Binde – als wäre Menstruation alleine plus erniedrigendes Balkonschlafen nicht schon schlimm genug. Laxmi/Muruganatham ist schockiert, zeigt auf den Lappen und ruft empört „I won’t even use it to clean my bicycle!“ Außerdem kann der Stoff nicht richtig trocknen, wenn dieser unter einem schweren Sari dahin mieft. (Recht hat er!)

In heller Aufregung, Empörung und Sorge um seine Frau fährt unser bemühter Held auf seinem klapprigen Fahrrad zu einem Laden im staubigen Dorf, wo er ganz unverblümt nach einer Binde fragt (die offensichtlich allgemein gültige Geheimhaltung des Themas scheint in seinem persönlichen Sozialisierungsprozess irgendwie an ihm vorüber gezogen zu sein). Der Apotheker reicht Laxmi/Muruganatham daraufhin unter größter Geheimniskrämerei das offenbar wahnsinnig überteuerte Ding unter dem Tresen durch. Für die Bezahlung muss sogar ein gerade zufällig des Weges kommender befreundeter Metzger um Geld gebeten werden – aber das Wohlergehen seiner Frau ist Laxmi/Muruganatham das höchste Gut.

Als der fürsorgliche Ehemann die Binde (eine?) schön verpackt unter die Nase hält, ist seine Frau erst super happy, aber in Anbetracht des hohen Preises, der dummerweise auf der Verpackung steht, plötzlich schockiert und sauer. Wütend zischt sie „Hast du etwa im Lotto gewonnen?“ Wie verantwortungslos es von ihm sei, das Geld für diesen unnötigen Luxus auszugeben. Binden kann sich niemand leisten – es sei denn, man hört auf, sein Geld für Lebensmittel auszugeben! (Tatsache: Laut einer Studie des Martforschungsinstituts ACNielsen aus dem Jahr 2010 kann sich nur eine von 10 Frauen in Indien ans tändige Monatshygiene leisten. Neben Stofffetzen werden auch Mittel wie Asche, Zeitungspapier, getrocknete Blätter oder ähnliches verwendet. Das ist nicht nur wenig effektiv, ungemütlich und erniedrigend: Als Folge dessen erleiden 70 Prozent der Frauen Infektionen der Geschlechtsorgane).

Trotz des herben Rückschlags gibt Laxmi/Muruganatham nicht auf. Irgendwie kann er nicht damit leben, dass sich seine reizende Frau diesen entwürdigenden Mitteln bedienen muss, die obendrein auch noch hohe gefährliche medizinische Risiken bergen. Unter Alpträumen, Verlustängsten und einem leichten Hang zur Manie beginnt er, mit Watte, Blättern, Kleber und Stoff herum zu experimentieren. Sein Plan: Die ultimative Binde entwickeln, um das Leben seiner Frau nicht nur zu verbessern – für Laxmi/Muruganatham geht es hier um Leben und Tod. Für das Austesten eines ersten Prototypens, den er Gayatri/Shanti wieder verpackt und nach romantischem Augenzuhalten unter die Nase hält, kann er seine Frau noch überreden. Doch als das Ding nicht dichthält, weigert sie sich, weiterhin in diesem Stadium der frühen Produktentwicklung als Versuchskaninchen herzuhalten. Nicht zumutbar ist die Gefahr, ihre Kleidung mit Blut und sich selbst mit größter Scham zu beflecken (im Film kommt hervor, dass sie die ganze Nacht still und heimlich ihren Sari gereinigt hat – zum Glück war niemand wach und hat sie dabei erwischt!). Wütend und frustriert fleht sie ihren so bemühten, aber gleichzeitig anstrengenden Mann an, sich endlich aus diesen Frauensachen rauszuhalten. In Anspielung auf die undichte Binde erklärt sie unter Tränen, Frauen würden eher tot umfallen, als sich so beschämen zu lassen.

Doch natürlich wäre Laxmi/Muruganatham nicht Laxmi/Muruganatham (oder der einzig wahre „Pan Man“), wenn er an dieser Stelle aufgegeben hätte. Mittlerweile hat er im Thema Menstruation bzw. in der Bindenerfindung eine seltsame Obsession gefunden – wie besessen arbeitet er an weiteren Modellen. Doch wer kann die Dinger für ihn testen?

Der Versuch, seine Schwester irgendwie dazu zu bringen, die eigens entwickelte Binde auszuprobieren, läuft fürchterlich schief – dass jemand es wagt, die Menstruation offen anzusprechen versetzt die ganze Familie in Schock- und Schamstarre. Letztlich führt das ganze sogar dazu, dass seine Mutter ihn verstößt. Als der manische Bindenmann schließlich ein fremdes College-Mädchen dazu bringt, seine Entwicklung für ihn zu testen, denkt seine Frau, dass er eine Affäre hätte. Dabei tut er all dies doch nur aus Liebe zu ihr! Beide weinen, wobei sie ihm sagt, dass Männer so etwas nicht tun sollten (ähnlich wie sich mit Menstruation zu befassen!). Die Probleme gipfeln darin, dass sich der entschlossene Erfinder mangels einer eigenen Gebärmutter einen Ballon mit Ziegenblut in die Hose stopft, um die Menstruation am eigenen Körper zu simulieren und dieser nicht dichthält. Als Laxmi/Muruganatham in aller Öffentlichkeit Blut durch die Hose läuft, wird zum Gespött der ganzen Gemeinde (größte szenischer Dramatik, entsetzte Gesichter, Zeitlupe). Alle halten ihn für pervers oder verrückt. Und selbst seine geliebte Gayatri/Shanti verlässt ihn unter sozialem Druck ihrer mit Gewalt drohenden Familie.

(Achtung, wer kein Fan von Spoiler ist, sollte den nächsten Absatz überspringen!)

Laxmis/Muruganathams Leben ist ein Scherbenhaufen. Man könnte meinen, dass dies nun wirklich der Zeitpunkt wäre, das Handtuch zu werfen. Aber Alles, was dem sozial Geächteten jetzt noch bleibt, ist der eiserne Wille, eine Binde zu entwickeln, die hygienisch und preiswert ist. Erst jetzt fällt ihm der entscheidende Fehler auf: Seine bisherigen Modelle bestehen aus herkömmlicher Watte, doch um das Menstruationsblut richtig aufzusaugen, ist Cellulose von Nöten. (Hätte er das mal früher gewusst, wären ihm vielleicht die dramatische Scheidung und die Morddrohungen seitens seiner Schwager erspart geblieben). Motiviert über diese neue Errungenschaft entwickelt Laxmi/Muruganatham nicht nur eine Binde, sondern in jahrelanger Arbeit gleich eine ganze Maschine, die es ermöglicht, die Dinger im großen Stil selbst herzustellen – zu leistbaren Preisen. Eine moderne junge Frau aus der Großstadt (die ihn ebenfalls erst mal für pervers hält) testet sie – mit Erfolg! Sie merkt, dass Laxmi/Muruganatham zwar leider ständig wie ein Perverser rüberkommt, es aber eigentlich nur gut meint. Zusammen bauen die beiden ein zunehmend erfolgreiches Binden-Business auf – er ist für die erfinderisch handwerkliche Komponente zuständig und sie übernimmt um weiteren Missverständnissen vorzubeugen das genderspezifisch heikle Marketing. So bringen sie nicht nur die Binde an die Frau, sondern schaffen auch Arbeitsplätze und werden zunehmend bekannt. Auf Einmal gewinnt Laxmi/Muruganatham Preise für seine Erfindung und wird sogar nach New York eingeladen, um bei den Vereinten Nationen einen Vortrag zu halten. Im Film kehrt der Protagonist daraufhin als Held in sein Heimatdorf zurück (alle tanzen und singen „He is a superhero!“) – und obwohl seine sympathische, smarte und attraktive Geschäftspartnerin ihm schließlich auch noch ihre Liebe gesteht, findet er den Weg zurück zu Gayatri/Shanti, die ihm unter Freudentränen ganz ehefrauen-like das Hemd in symbolischer Fürsorge in die Hose stopft. Im blumig rhythmischen Bollywood-Tanz endet die Geschichte von Pad Man – im Film.

Der reale Muruganatham , der unter dem Namen „Pad Man“ internationale Anerkennung genießt, hält mittlerweile Ted Talks und Vorträge an Universitäten (wie zum Beispiel in Harvard), wurde im Jahr 2014 vom Time magazine zusammen mit Miley Cyrus und Angela Merkel zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gekürt und sitzt mit Leuten wie Bill Gates in Talkshows. Seine Maschine – nun in zwei verschiedenen Typen entwickelt – hat Einzug im ganzen Land genommen. In 27 indischen Bundesstaaten ist sie im Einsatz, ermöglicht würdevolles Menstruationsmanagement zu leistbaren Preisen und schafft dazu weiterhin Arbeitsplätze für bedürftige Frauen.

Außerdem hat die Aufmerksamkeit rund um „Pad Man“ und sein Schaffen einen kleinen Umschwung hinsichtlich des Bewusstseins für die Menstruationsproblematik in Indien und anderen Ländern bewirkt – nicht zuletzt auch durch den Film, der auf Netflix zu sehen ist und das Thema Menstruation den Eintritt in die internationale Popkultur gewährt (Yippieh!). Dass der Bollywoodstreifen in Pakistan aufgrund des vorherrschenden Tabus verboten wurde, zeigt, wie wichtig es ist, das Thema anzusprechen!

Für alle, die auf Bollywood stehen, ist „Pad Man“ ein Muss. Und für alle anderen zumindest eine Überlegung wert, um einerseits einen echt schrägen Menstruations-Bollywoodfilm zu sehen und vor allem einen Blick in das skurrile Leben eines Mannes zu werfen, der wirklich etwas Unglaubliches geschaffen hat –und dass obwohl er ein Mann ist. 😉

„Don’t use your education just to survive, use it to do something that can transform this world!“

Arunachalam Muruganantham






Quellen:
https://www.facebook.com/amurugaofficial/
https://tribune.com.pk/story/1631295/4-shocking-padman-banned-pakistan/
https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2012/jan/22/sanitary-towels-india-cheap-manufacture
https://de.wikipedia.org/wiki/A._Muruganantham

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