WARUM MENSTRUATIONSBLUT IN DER WERBUNG BLAU IST UND WAS DEIN ONKEL HORST DAMIT ZU TUN HAT.

Wir alle kennen das. In der TV-Werbung von Always, o.b. und co. tanzen, springen, klettern und hüpfen gutgelaunte, strahlende Topmodels völlig unbeschwert durchs Bild, lachen, sind dabei braungebrannt und perfekt gestylt, tragen enge, weiße Hosen, Sportklamotten oder Bikinis. Eine weibliche Stimme redet was von „frei“, „sicher“, „geschützt“ oder „frisch“ und man sieht seltsam sterile, blaue oder lila Flüssigkeit auf einen blütenweisen Untergrund beziehungsweise auf ein Stück gepresste Watte tropfen. Die hollywoodreife Illusion der menstruellen Unbekümmertheit umweht uns weichgespült.

Alle, die schon mal ihre Tage hatten, wissen: That’s not real. Menstruationsblut ist rot bis braun, meistens ein wenig klumpig, manchmal glibberig und kommt nicht aus einem Reagenzglas, sondern aus einer oft spürbar erschöpften, schmerzenden Gebärmutter.Häufig sprengt der Gefühlszustand während der Periode die Skala von „frei“ bis „frisch“ auf die Dimension von „komplett beschissen“, man hat Pickel, fühlt sich aufgebläht, müde und matt. Warum wird das, was 50 % der Weltbevölkerung monatlich sehr genau zu spüren und zu sehen bekommen, in der Werbung so realitätsfern dargestellt?

Nun ja, es geht um ein heikles Thema. Die Menstruation ist nicht jedermanns Sache. Frauen lernen, damit möglichst „diskret“ umzugehen. Und Männer erfahren meist schon früh, dass sie mit diesem seltsamen Perioden-Tampons-Igittigitt-Hormon-Gedöns nichts zu tun haben sollen oder wollen. Die Werbung spiegelt in diesem Sinne nichts anderes als den Umgang mit dem Thema in unserer Gesellschaft wieder.

Allgemein orientieren sich Werbetreibende gerne an gängigen Normen und Werten, die in unserer Kultur gelten. Sie leben davon, dass wir ihre Produkte kaufen – ihr Job ist es deshalb auch, uns zu vermitteln, warum wir ein überteuertes Avokado-Duschgel, einen Rasierer mit Gelkissen oder einen kabellosen Staubsauger brauchen. Gerade bei Kosmetik- oder Hygieneprodukten kann das tricky sein. Warum will man Haare, die nach Avokado riechen? Und warum wollen Frauen Beine, die aussehen wie in Kastanienöl eingeschmierte Aale?

Die Antwort ist einfach: Bei uns gilt ein Schönheitsideal. Ein Glück für die Firmen.

Beständig streben wir danach, möglichst attraktiv, schlank, aprikosenfarben, weißzahnig und wohlriechend zu sein und sind gleichzeitig von wahrhaftigen Existenzängsten geplagt, als unrein, ekelhaft oder stinkend empfunden zu werden. Somit machen wir es auch Hersteller von Monatsprodukten ziemlich leicht. Wir lassen uns einreden, dass wir (nur) durch ihre Produkte frisch, sauber und sicher sind – also im Umkehrschluss ohne sie schmutzig und unsicher. Eine Katastrophe für das Selbstverständnis.

“… periods are the only thing we describe in terms of sanitation so explicitly, and we need to stop doing this. It implies that we are unclean and that menstrual products are cleaner than our bodies.”

-Chella Quint, The Independent, 14.10.2017

Dadurch, dass die Werbung für Tampons und Binden nur makellose Frauen und ein überaus realitätsfernes Bild der Menstruation zeigt (in der sie nämlich unsichtbar, ja quasi nicht existent ist), wird uns unterschwellig suggeriert:

Deine Periode ist ekelhaft. Versteck sie und red‘ nicht drüber. Der deutsche Marktführer in Sachen Monatshygiene o.b. spricht das sogar ganz offen aus.

„Ich will zwar auch mal auffallen, wenn ich unterwegs bin, aber ich will nicht, dass anderen auffällt, wenn ich meine Tage habe. Und deshalb nehme ich gerne o.b.Tampons, denn die sind unsichtbar, wenn du sie trägst und ich kann sie leicht in meiner Handtasche oder in meiner Hosentasche mitnehmen. So ahnt niemand, dass ich meine Periode habe.“

-verschriftlichtes Zitat von einem Marketing-Video auf dem YouTube-Channel von o.b. Deutschland

So wie Hersteller von Tampons und Binden uns das Thema kommunizieren (versteck es und achte drauf, dass ja niemand dich für jemanden mit einem Zyklus hält!!), werden uns Angst vorm Negativauffallen durch die Menstruation vor Augen geführt. Firmen bedienen sich eines bestehenden Tabus und kommunizieren es weiter. Ein Teufelskreis.

Gleichzeitig kann bei Zuschauenden, die selbst nie von der Periode betroffen waren, durch die krass beschönigende Werbung ein folgenschwer falscher Eindruck entstehen. Im Jahr 2012 schrieb ein Mann namens Richard an den britischen Bindenhersteller Bodyform via Facebookpost eine öffentliche Beschwerde: Seit seiner Kindheit war er der felsenfesten Überzeugung gewesen, dass Frauen zu Zeiten ihrer Periode sich in wunderschöne Märchenprinzessinnen in knappen, weißen Klamotten verwandeln, die an Tatendrang, unzubändigender Abenteuerlust und Unbeschwertheit nicht zurück zu halten seien. Nun hatte er zum ersten Mal eine Freundin und sah sich der schwerverdaulichen, grausamen Realität gegenübergestellt: All die Bilder vom Radfahren, Wandern, Schwimmen, Klettern und Paragliden waren eine falsche Versprechung gewesen.

Armer Richard.

Und das alles nur, weil die ansatzweise wahrheitsgetreue Darstellung der menstruellen Verhältnisse für den durchschnittlichen Fernsehzuschauer nicht zumutbar zu sein scheint.

Nicht auszumalen, wie Onkel Horst reagieren würde, wenn er abends mit seiner Pulle Bier im Fernsehsessel fletzt und ihm plötzlich eine Werbung für Binden unter die Augen kommt, in der die Flüssigkeit, die auf Watte tropft, nicht die gleiche Farbgebung hat, wie das Mundwasser aus der darauffolgenden Listerinewerbung. Skandal!!!

Aber lasst uns fair sein und die Schuld nicht auf Männer wie Richard oder Onkel Horst schieben. Die können ja auch nichts dafür, dass sie ihr Leben lang keine Aufklärung über den eigentlichen weiblichen Körper erfahren haben. Woher denn auch – wenn in der Schule nicht drüber gesprochen wurde, die eigene Freundin aus lauter Peinlichkeit und Scham kein Wort darüber verliert und in der Werbung nur Stuntfrauen mit Modelmaßen und Skiern durchs Bild brettern. Die Wahrheit ist: Wir tragen selbst Schuld daran, dass das Tabu existiert. Wo Unwissenheit herrscht, wurzeln Mythen.

(Übrigens hat Bodyform nicht nur sehr gekonnt auf Richards Nachricht reagiert, sondern wurde darüber hinaus im Jahr 2017 zum ersten Hersteller für Monatsprodukte, der in einem neuen TV-Spot Menstruationsblut realistisch darstellt. Von Seiten der britischen Firma ein absichtlicher Tabubruch.)

Fassen wir zusammen. Was ist der Werbung passiert ist Verleugnung mit Konzept. Hersteller profitieren davon, dass wir panisch in den Laden rennen, unter starken Schamgefühlen die Produkte mit einem weiteren Alibikauf aufs Band legen und vor lauter Hoffnung, dass dieser peinliche Moment endlich vorbei ist, uns keine Gedanken um mögliche Alternativen, Umweltschäden, Kosten oder Inhaltsstoffe in Monatsprodukten machen (immer wieder wurden in Tampons und Binden Weichmacher und sogar Schadstoffe wie Glyphosat gefunden). Wir sind so beschäftigt damit, dass niemand merkt, dass wir unsere Tage haben, dass wir gar nicht erst auf die Idee kommen können, eine Deklarationspflicht für die Inhaltsstoffe in Tampons und Binden oder die Senkung der Steuer auf Monatsprodukten zu fordern. Hauptsache wir gelten als „frisch“, „sicher“ und „geschützt“ und können unsere Menstruation wenn schon nicht blau, dann eben „unsichtbar“ machen.

5 Kommentare zu „WARUM MENSTRUATIONSBLUT IN DER WERBUNG BLAU IST UND WAS DEIN ONKEL HORST DAMIT ZU TUN HAT.

  1. Vielen Dank für dein Engagement!
    Lange Zeit habe ich geglaubt, dass ich im Intimbereich stinke, wenn ich menstruiere. Bis ich auf Menstruatiostasse, freie Menstruation und waschbare Slipeinlagen umgestiegen bin. Da war ich doch sehr überrascht, dass da absokut gar nichts stinkt. Bei Recherchen im Internet habe ich dann herausgefunden, dass es die Watte der Tampons ist, die so erbärmlich nach Verwesung riecht, wenn sie unser Scheidenmilieu kaputt macht.
    Erschreckenderweise las ich dann in Kommentaren auf Facebook zum Thema Menstruationstasse von Frauen ! dass das doch ekelhaft stinken müsste und sie lieber bei den Tampons bleiben. Menstruationstasse sei ekelhaft und nur was für Ökos und Hordcore-Feministinnen (kein O-Ton, aber sinngemäß). Ist das nicht traurig? Wie befreiend und schön war es für mich festzustellen, dass ich nicht stinke! Dieser Glaube sitzt sehr tief in sämtlichen Köpfen – in männlichen wie in weiblichen. Deshalb finde ich Engagements wie deine so wichtig!

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  2. Einer meiner Männertests war ja immer: Wenn er meine in Wasser eingeweichten Stoffbinden erträgt, besteht die Möglichkeit, dass das Zusammensein klappen könnte. Für mich persönlich und in Beziehungen war die Menstruation eigentlich nie ein Tabu, aber ich habe das ganze Tabu natürlich schon gesehen.

    Es ist so wichtig, die natürlichen Dinge natürlich zu handhaben. Danke für dein diesbezügliches Engagement!

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  3. Ich habe von deinem Blog auf Deutschlandfunk Nova gehört. Vielen Dank für diesen Blog.

    Ich habe vor allem durch die Always Werbung (und bestimmt auch die BRAVO) in den Neunzigern erfahren, dass Frauen ab und zu bluten und dass es dann Binden gibt, die man benutzen kann. Von meiner Mutter hab ich kaum Unterstützung erhalten. Wahrscheinlich waren für mich die Schmerzen umso schlimmer, weil die Werbung als meine einzige Quelle nie was von Schmerzen und Unwohlsein vermittelt haben? Ich war 16 als ich mich das erste mal getraut habe meiner Mutter zu sagen, dass ich große Schmerzen habe. Ich glaube, davor wusste ich nicht mal warum ich oft solche Schmerzen überhaupt hatte. Um nicht enttarnt zu werden habe ich selbst bei den größten Krämpfen so getan als ginge es mir wunderbar.

    Ich hab mit 10 Jahren meine Regel bekommen. Gut zwei Jahre vor meiner zwei Jahre älteren Schwester. Von der Menstruation meiner Mutter habe ich NIE etwas mitbekommen. Keine Erschöpfungszustände, Schmerzen, schlechte Laune. Nix.
    Als ich mich mal im Bad eingesperrt hatte um in Ruhe meine vollgeblutete Unterhose mit Binden auszustatten, haben meine Mutter und meine Schwester an der Tür geklopft und sich lustig über mich gemacht, dass ich mich eingesperrt habe. Es war furchtbar. Ich glaube, auch die Binden habe ich versucht unauffällig von meiner Mutter zu nehmen, damit sie bloß nicht weiß, dass ich gerade meine Tage habe. Ich glaube, ich hab stattdessen jahrelang lieber Klopapier benutzt. So richtig kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe wohl viel in dem Zusammenhang verdrängt.

    Wenn im Fernsehen dann die Always Werbung lief, wurde ich jedes mal knallrot und hab immer eine Decke gesucht um mich zu verstecken. Ich hab mich krankhaft geschämt. Es war mir nichts unangenehmer als dieses Thema. Jedes Wochenende beim Fernsehen mit der Familie.

    Seit 5 Jahren habe ich eine Menstruationstasse in Kombination mit Stoffbinden und es ist das erste mal, dass ich mich während der Menstruation nicht eklig oder stinkig fühle. Durch die Stoffbinden bleibt das Gefühl Stoff und nicht Plastik auf der Haut zu haben. Ich schwitze weniger und rieche dadurch auch weniger. Und weil eine gute
    , dicke Stoffbinde das Blut besser aufnimmt, verkrampfe ich mittlerweile auch nicht mehr so und lass das Blut aus meinem Körper fließen.

    Also nochmal danke für das Thematisieren.

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    1. Liebe Lydia, danke für deinen Kommentar. Ich bin immer wieder schockiert, was manche Frauen wegen ihrer Menstruation durchmachen – als wären die Schmerzen nicht genug, kommt der gesellschaftliche Druck dazu, so zu tun, als wäre alles tip top und die Menstruation sowohl als Flüssigkeit als auch als ganz normaler körperlicher Vorgang schlicht weg nicht existent. An deinem Beispiel kann man ja sehr gut sehen, dass ein gesünderer Umgang mit der Menstruation einiges mit dem Selbstwertgefühl anrichtet und im Nachhin auch physische Erleichterung bringt – also absolut nachwendig ist. Danke, dass du deine Geschichte hier teilst – es freut mich, dass du so stark bist und darüber sprichst. Nur so wird das Thema endlich mal angesprochen und in Zukunft Frauen und Mädchen davor bewahrt, ähnliches durch zu machen. Liebe Grüße, Franka

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  4. Ich bin echt begeistert von deinem Blog.
    Ich hatte wohl recht Glück mit meinen Eltern. Meine Mutter hat mich schon recht früh auf das Thema Menstruation vorbereitet und war dann auch sofort für mich da, als ich meine Tage zum ersten Mal bekommen habe. Zufälligerweise war ich an dem Tag sogar bei meinem Vater und es war schon spät Abends, trotzdem war es überhaupt kein Problem, ihm zu sagen, dass ich nun meine Tage bekommen habe. Er war zwar im ersten Moment etwas unbeholfen, aber nicht, weil ihm das Thema unangenehm war, sondern, weil er noch nice in der Situation gewesen war. Ich weiß auch, dass meine Mutter damals, als es bei ihr losgegangen ist, problemlos sich Hilfe bei ihrem Vater holen konnte (ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt leider bereits verstorben).
    Aber ich habe auch schon mtbekommen, wie es meinen Freundinnen zum Teil ergangen ist, da wurde dann immer nur kurz geflüstert, ob jemand ein Tampon oder sowas dabei hat, damit das ja niemand mitbekommt. Oder auch manche männlichen Freunde wollten lieber nix darüber wissen. Oder es kam auch gerne mal der berühmte Satz „Hast du grad deine Tage oder warum bist du so zickig?“.
    Zum Glück habe ich die ganzen Werbungen von o.b. und co erst gesehen nachdem ich meine Tage bekommen habe und war daher dadurch nicht „verdorben“.
    Ich finde es auch schrecklich, wie heutzutage in vielen Ländern noch mit menstruierenden Frauen umgegangen wird. Und auch in Deutschland ist das ja leider immer noch ein „dreckiges“ Thema.
    Ich habe kein Problem es offen zu sagen, wenn ich meine Tage habe, da hatte ich aber wohl Glück bei der Erziehung, da meine Eltern mit allem sehr offen umgegangen sind. Aber viele Mädchen haben das leider nicht.
    Daher bin ich froh, dass es jemanden wie dich gibt, die sich offen für das Thema einsetzt und sich auch nicht mundtot machen lässt.

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