Warum (menstruierende) Frauen als „hysterisch“ gelten und was Hippokrates, Hillary Clinton und Blutegel damit zu tun haben.

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PMS is real. Das „prämenstruelle Syndrom“ sucht monatlich ungefähr 20-40 Prozent aller Menstruierenden heim und lässt sich als ein recht ungemütlicher Zustand zusammenfassen. Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme, Gewichtszunahme, Spannungsgefühl in der Brust, Unterleibsschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Appetitlosigkeit oder Heißhungerattacken (auch gerne abwechselnd), unreine Haut, Kreislaufprobleme und psychische Beschwerden wie Depressionen, Gereiztheit, Aggressivität etc. – also all das, was wir als negative Nebeneffekte der Menstruation kennen – kann damit einhergehen.

Ca. fünf Prozent aller PMS-Betroffenen leiden so stark unter den physischen oder psychischen Beschwerden, dass sie ihrem Alltag nicht nachgehen können.¹ (In Italien wird daher gerade parlamentarisch diskutiert, ob man Betroffenen von besonders starkem PMS bis zu drei Tage bezahlten Urlaub gewährt  – Voraussetzung dafür wäre ein ärztliches Attest. In vielen Medien wird diese angestrebte Reglung absurderweise als „Menstruationsurlaub“ beschrieben –das hört sich so nach Schule schwänzen, Sonne, Cocktails und Ausgelassenheit an…)

Fünf Prozent.

Dass jedoch schon der grundsätzliche Besitz einer Gebärmutter reicht, um eine Frau der „Hysterie“ oder anderen hormonell bedingten Unzurechnungsfähigkeiten anzuklagen , hat uns der Meister gut überdachten Wortbeiträgen mit öffentlichkeitswirksamer Reichweite höchstpersönlich gezeigt: Donald Trump wusste wohl in einem Interview im Jahr 2015 mit der ihm offensichtlich überlegenen Moderatorin Megyn Kelly nicht so richtig, wie er auf ihre Fragen antworten sollte. In einem späteren Gespräch mit einem Journalisten bezeichnete er Kelly als „unfair“ und rechtfertigte sich folgendermaßen:

“…she starts asking me all sorts of ridiculous questions, and, you know, you could see there was blood coming out of her eyes, uh, blood coming out of her, wherever, but uh, she was, uh, in my opinion, she was, uh, off-base…”

-Donald Trump, 2015

Als Trump wohl von seinen BeraterInnen gesteckt bekommen hatte, dass dieser frauenfeindliche Kommentar nicht so ganz die feine Präsidenten-Art war, twitterte er, dass er natürlich mit „whatever“ ihre Nase gemeint hätte. Na klar, weiß doch jeder, dass Menschen mit Nasenbluten aggressiv, gereizt oder aus anderen Gründen scheiße drauf sind.

Im US-Wahlkampf war dies übrigens nicht der einzige Auftritt von PMS. (Da sieht man mal auf wie viele Weisen Menstruation politisch ist).

Die kandidierende Hilary Clinton (70) wurde öffentlich in einer US-amerikanischen Morgenzeitung als potenzielle Präsidentin in Frage gestellt. „What if that time of month comes and she is sick at the same time?“, schrieb ein offensichtlich sehr besorgter Bürger in der Williamsport PA Sun Gazette. Seinen Aussagen nach wollte er natürlich nur die Gesundheit der Politikerin und das Wohlergehen der heiligen Nation sicher stellen – auf keinen Fall aber sexistisch sein. Klar.

Hatte er Angst, dass Hillary morgens von Migräne und unreiner Haut geplagt und von einer Fressattacke mit anschließender Appetitlosigkeit frustriert, entscheiden würde, die Atombombe über dem eigenen Land zu zünden??!

Abgesehen davon, dass eine Frau um die 70 höchstwahrscheinlich nicht mehr menstruiert, zeigen Studien, dass die Menstruation oder damit einhergehende Beschwerden natürlich keinerlei Auswirkungen auf die politische Entscheidungs- oder Zurechungsfähigkeit von Menschen haben (traurig, dass es solcher Studien überhaupt bedarf…)². Es stellt sich daher die Frage:

Warum denken so viele Leute, dass Frauen generell und gerade zu Zeiten ihrer Menstruation hysterisch sind?

Wir gehen mal wieder etwa 2000 Jahre zurück – zu den üblichen Verdächtigen in Sachen „Kreativrätseln um die weibliche Sexualität und Psyche“. Die alten Griechen. Hippokrates – auch bekannt als „Vater der Medizin“ – bezeichnete den Uterus als „Ursache von 1000 Übeln“, was unter seinen Kollegen auf fruchtbaren Boden fiel.

Auf diese Art und Weise hatte man immer, wenn etwas ungünstiges passierte, einen Sündenbock. So einfach, aber doch so genial.

Von da an wurden Frauen immer wieder als chronisch krank oder irre bezeichnet – als Grund reichte der Besitz eines Uterus. Im 19. Jahrhundert gab man dieser seltsamen „Frauenkrankheit“ den Namen „Hysterie“ (Hysterie = Uterus auf Griechisch. Wie kreativ).

Interessanterweise galten oftmals gerade Frauen, die unverheiratet, berufstätig, mutig, unabhängig oder gar politisch waren, als „hysterisch“. Einige von ihnen wurden sogar aufgrund dessen zwangseingewiesen.

Insgesamt war man sich zu dieser Zeit einig, dass menstruierende Frauen sich schonen, also keinen körperlichen oder geistigen Anstrengungen nachgehen sollten –Ärzte vermuteten, dass weibliche Bildung bzw. „geistige Anstrengung“, Berufstätigkeit oder frühzeitige Geschlechtsreife bzw. Selbstbefriedigung bei Frauen zu einer schmerzhaften Monatsblutung oder anderen Beschwerden (wie Hysterie) führen könnte.³ Besser also, man sperrte Frauen mit Menstruation in ein dunkles Zimmer ohne Bücher oder sonstige Möglichkeit, sich kognitiv oder intellektuell zu beschäftigen.

Gynäkologen zu dieser Zeit empfahlen als Therapie gegen Aufmüpfigkeit und (und ähnliche) Menstruationsbeschwerden möglichst schnell die Heirat. Andere gängige „Behandlungsmethoden“ im 19. Jahrhundert waren außerdem (hier nicht nach Grausamkeit geordnet):

  • Blutegel auf die Schamlippen,</li>
  • Gebärmutter mit Blut voll pumpen bis die Gefäße dem Druck nicht mehr stand halten können und platzen</li>
  • Einsatz von elektrischem Strom</li>
  • Einströmen von Chloroformdämpfen in die Vagina.</li>
  • Einsatz von Koks. (Der Arzt Wilhelm Fließ berichtete ganz begeistert, dass die Menstruationsbeschwerden daraufhin innerhalb von 5-8 Minuten wie weggeblasen gewesen seien).</li>

Manche griffen aber auch zu operativen Maßnahmen gegen „Hysterie“. Tausenden Frauen, die als „periodisch irre“ gesehen wurden, entfernte man aus diesem dämlichen Irrtum heraus die Gebärmutter oder schnitt ihnen –weil plötzlich jemand behauptet hatte, dass das „labile weibliche Nervensystem“ nun „Eierstockssyndrom“ heißen sollte– die Eierstöcke heraus.

(Ich finde, vor diesem Hintergrund hätten Frauen tatsächlich ein wenig „Menstruationsurlaub“ verdient. Als Reparationszahlung sozusagen.)

Lange hielt man an dem Bild der psychisch eingeschränkten Frau mit Periode fest. Bis in die 80er Jahre galt vor Gericht das Einsetzten der Menstruation bei Angeklagten als strafmindernde Maßnahme. (Ähnlich wie heute der Einfluss von Alkohol, Medikamenten oder Drogen.)

Und noch heute sind Sprüche wie „Die hat doch ihre Tage“ geläufig. Das führt dazu, dass eine Frau als „zickig“ abgestempelt und nicht ernst genommen wird, wenn ihr etwas nicht passt. Wie ein Kleinkind, das gerade eine Trotzattacke hat. Ist das nicht unfair?

PMS hat aber auch gute Seiten. Es gibt Frauen, die sich zu dieser Zeit als besonders tiefgründig und kreativ empfinden. Besonders praktisch ist das, wenn man beruflich herzzerreissende Balladen über Trennungsschmerz und Verlustängste schreibt oder Trauerreden hält. Eine Singer-Songwriterin soll sogar mal gesagt haben, dass sie ohne den psychischen PMS-Schmerz gar keine Schaffenskraft zum Liederschreiben hätte.

Die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömqvist kommentiert:

„Wenn wir in einem Matriarchat leben würden, [hätte] PMS selbstverständlich einen ungleich viel höheren Status, in etwa wie die männliche Melancholie im 19. Jahrhundert, oder wie das Aufmerksamkeitsbedürfnis gewisser männlicher Podcaster heute.“

-STRÖMQVIST, Liv (2017): Der Ursprung der Liebe. S. 120

Auch Gloria Steinem ist sich sicher, dass die Menstruation ein besseres Image hätte, wenn sie ein männliches und kein weibliches Phänomen wäre. Männer würden sich ihrer Meinung nach dann damit brüsten, wer länger (menstruieren) kann, wer dabei die stärkeren Schmerzen erleiden muss und sich gegenseitig Komplimente machen, wenn sie gerade ihre Tage haben – natürlich wäre die Periode nämlich das höchste Gütesiegel der geistigen und physischen Reinheit und darüber hinaus die Voraussetzung für eine Führungsposition oder im Kriegsdienst. Hygieneprodukte wären selbstverständlich für alle umsonst –doch der gepflegte Mann, der etwas von sich hält, würde Edeltampons von einem namhaften Schauspieler oder Boxer kaufen und dies in Late Night Shows besprechen.

 

Was ein seltsames Paralleluniversum.

 

Quellen:

¹ (https://www.regelschmerzen.de/regelschmerzen/pms [Stand 15.09.2018])

² (https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0112042 [Stand 15.09.2018])

-HERING Sabine/MAIERHOF Gudrun (2002): Die unpässliche Frau. Frankfurt a. M. S. 29-51

-STRÖMQVIST, Liv (2017): Der Ursprung der Liebe.

-STEINEM Gloria (1987): If men could menstruate.(http://www.mylittleredbook.net/imcm_orig.pdf, Stand 15.09.2018)

3 Kommentare zu „Warum (menstruierende) Frauen als „hysterisch“ gelten und was Hippokrates, Hillary Clinton und Blutegel damit zu tun haben.

  1. Sicher ist es kein Zufall, dass ich mich genau zu diesem Zeitpunkt meines Zyklus‘ (zweite Hälfte) zu diesem sehr lesenswerten Blog-Artikel äußere.
    Für mich ist völlig klar (und ja, ich habe mich mit Hysterie und misogynen/frauenverachtenden Schriften seit der Antike und im Mittelalter beschäftigt), dass Frauen in patriarchalischen Gesellschaften tatsächlich Jahrtausende lang als hysterisch klassifiziert, als verrückt eingewiesen, als Hexen verbrannt wurden, wenn sie ihre kraftvolle und authentische Weiblichkeit lebten. Und ein in seinen vielfältigen Qualitäten bewusst erlebter und gelebter weiblicher Zyklus ist für mich ein Ausdruck authentischer und kraftvoller Weiblichkeit.
    Und ja, eine Frau, die Männern, männlichen Bedürfnissen und männerdominierten Systemen nicht in der ein oder anderen Weise diente/zu Diensten war, wurde (und wird leider immer noch) vielerorts bestenfalls als anstrengend, schlimmstenfalls als krank/hysterisch/wertlos bezeichnet. Viele Jahrhunderte (auch in der christlichen Tradition) galt die Menstruation als Zeichen der Sünde und verfestigte die untergeordnete Position der Frau und auch heute wird die Menstruation vielerorts noch als biologischer Nachteil betrachtet, der aus Frauen emotional reagierende (hysterische), zickige, unzurechnungsfähige) Arbeitskräfte macht. Was mich persönlich freut, ist, dass das Thema Menstruation immer mehr öffentlich diskutiert wird. Ich selbst erlebe meinen Zyklus als unglaublich faszinierend – gerade, was die unterschiedlichen Stimmungen und Zeitqualitäten anbelangt. Mein eigener Zyklus ging jahrelang exakt mit den Mondphasen – wie unglaublich! Und erst seit einigen Monaten ist hier etwas „verschoben“ – auch das wundert mich nicht. Aber mal ehrlich: Wie abgefahren ist das?!? Auch das Phänomen, dass alle innigen Freundinnen oder Schwestern oder Kolleginnen nahezu gleichzeitig bluten? Kurz: Der weibliche Zyklus ist für mich eine unglaublich geniale Choreographie. Gerade, weil er zyklisch und nicht linear ist. Gerade, weil er unsere unterschiedlichen Seins-Qualitäten zutage fördert. Die Frage ist für mich: Wie kann ich das „Glatt“ ziehen, „einnorden“, negieren, sondern: Wie heiße ich es willkommen? Und ja: Ich gebe es ganz klar zu. Vor und während meiner Menstruation will ich meist Rückzug. Liebe ich die Gesellschaft von Frauen. Leide ich unter starren Terminplänen, Funktionalitäts-Zwang und Pragmatismus-Anforderungen. Ich bin dann deutlich introvertierter und auch deutlich ruhebedürftiger. Und nein: Ich leide dann keineswegs unter Depressionen oder den unter PMS klassifizierten Symptomen. Aber ich will mein weibliches Ding machen (wie sonst auch). Und während der Menstruation zeigt sich eben, dass dann mein weibliches Ding nicht mehr so gut in „männliche“ Kategorien oder in die von Yang-Energie dominierten Räume passt. Ich war jahrelang in männerdominierten, streng hierarchischen Unternehmen tätig – heute berate ich dort und gehe dann hin, wenn’s mir in den Kram, besser gesagt, in den Zyklus passt. Aber eine Frauen verehrende (statt immer noch verachtende) Gesellschaft feiert für mich den weiblichen Zyklus und die mit ihm einhergehenden Zeitqualitäten. Und ja: ich bin absolut dafür, dass wir den Rückzug (allein oder unter Frauen oder wie auch immer) leben, den wir brauchen. Ob wir nun bluten oder nicht. Das zu institutionalisieren, halte ich für schwierig. Jedoch die „veränderten Umstände“ zu leugnen, und die ansteigenden und absinkenden Energiezustände, mit denen wir Frauen leben, die ein Schatz und ein Segen sind – zu leugnen, ist für mich fatal. Und an der Stelle positionierst du dich für mich in deinem Blog nicht eindeutig. Das finde ich schade. Warum gelten wir als „zickig“, wenn wir unsere Tage haben? Aus meiner Sicht spielt da durchaus mit hinein, dass es da ein berechtigtes Rebellieren, ein schonungsloses Bilanz-Ziehen mit dem ganzen Bullshit, ein gnadenloses Klar-Sehen gibt. Wo wir vorher vielleicht angepasster, pflegeleichter, (faule) kompromiss-bereiter waren. Und außerdem: Ein nicht befruchtetes Ei (potenzielles Leben) in uns stirbt und ein sehr ursprünglicher Teil in uns kann und darf den Raum haben, um mit diesem Tod in Resonanz zu gehen. Vielleicht zu schauen, was in uns nicht leben durfte, Tod geweiht war oder jetzt sterben und gehen will. Vielleicht, um mit dem (Blut-)Fluss zu gehen (go with the flow).
    Was, wenn wir (und auch die Männer und Kinder) genau das als kraftvoll, hilfreich und wegweisend betrachten und uns die (Rückzugs-)Räume schaffen, in denen wir ganz wir sein können, mit allem, was uns ausmacht? Wenn wir „zickig“ in dieser Zeit sein sollten, dann, weil wir gezwungen sind, anti-zyklisch zu leben. So beschissen ich einen von Männern oder Institutionen verordneten Ausschluss menstruierender Frauen aus der (patriarchalischen) Gesellschaft finde (viele Jahrhunderte Usus), so genial finde ich die weiblichen Räume in Stammesgesellschaften, wo Frauen ihre Blut-Magie zelebrieren und in Ruhe unter sich sind. Ich weiß genau: Wenn das Standard wäre, ich würde umso gestärkter und authentischer und klarer in jeden neuen Zyklus gehen. Und so lange es das in dieser Gesellschaft nicht gibt, schaff ich mir selbst die Räume und verschaffe ich mir den Respekt dafür. Denn mIr geht das lineare und absolut zyklusfeindliche Zeitmanagement unserer nach wie vor männer-dominierten Gesellschaft gehörig gegen den Strich – besser gesagt, gegen den Zyklus.

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