Warum Frauen noch in den 60er Jahren wegen ihrer Menstruation gefeuert wurden und was Pythagoras damit zu tun hat.

Das Mysterium über den Sinn und die Wirkung von Menstruationsblut bewog viele große Persönlichkeiten der Wissenschaft zu abenteuerlichen Aussagen. Schon  Aristoteles, Hippokrates und der berühmte Arzt der Antike Galen versuchten, das ungeklärte Geheimnis der monatlichen Blutung zu klären.

Im kollektiven Kreativrätseln war Pythagoras, dessen revolutionäre Dreieckskonstruktion keinem Schulkind entgeht, der Ansicht, dass Frauen einfach zu viel Blut hätten, welches ein Bedürfnis nach „Entleerung“ hervorruft. Einige seiner Kollegen glaubten, dass dieser Überfluss durch Nahrung entsteht (Frauen seien also einfach nur verfressen). Andere dachten, dass sich daraus Kinder formen, wie zum Beispiel Plinius, der Ältere.

Der Herr, der 23-79 nach Christus seine geistigen Errungenschaften kundtat, verwies darauf, dass das Menstruationsblut jedoch außerhalb des Körpers überaus gefährlich werden könnte und machte Menstruierende für so ziemlich jedes mögliche Unheil der Welt verantwortlich. (Unter anderem für das Matten von Spiegeln, das Schlechtwerden von Milch, das Unfruchtbarwerden von Pflanzen, das Vom-Baum-fallen von Früchten, das Stumpfwerden von Schwertern, das Rosten von Bronze und Eisen sowie für das Sterben von Hunden und Bienen – die Liste ist lang.)

Man brauchte offensichtlich einen Sündenbock.

Im Mittelalter führten ähnliche Ansichten zu grausamen Hexenverfolgungen. So schrieb Papst Innozenz im 15. Jahrhundert:

„Hexen haben die Früchte vom Felde zerstört, die Trauben des Weinstocks, die Früchte des Baumes, der Weinberge, Orchideenplantagen, Felder, Wiesen, Mais, Weizen und alle anderen Getreide. Sie verbreiten Krankheiten unter den Tieren, töten ihre Jungen, hindern Männer bei der Ausübung ihrer sexuellen Handlungen und machen, dass Frauen keine Kinder empfangen.“

-Innozenz VIII, 1488

(Gerade bei dem Vorwurf, dass Männer nicht zur Erfüllung ihrer sexuellen Begierde kommen, sehe ich in Sachen religiöse Vorschriften einen kleinen Widerspruch. Beichtvätern des 8. Jahrhunderts zufolge sollen Männer, die sich während der Menstruation mit ihren Frauen „gepaart“ haben, nämlich zehn Tage lang Buße bei Wasser und Brot tun. Ganz schön unpraktisch.)

Über Jahrtausende gab man Menstruierenden die Schuld für eine ausgebliebene Ernte, das Verderben von Speisen und überhaupt für jegliches, unergründliche Unheil. Im Mittelalter verbreitete sich zudem zunehmend die Annahme, dass Menstruationsblut nicht nur unrein und gefährlich, sondern toxisch sei. Selbst der viel gerühmten Arzt Paracelsus ließ sich im 16. Jahrhundert zu folgender, scharfsinnigen Aussage hinreißen:

„Es gibt kein Gift der Welt, das schädlicher ist als das menstruum [Menstruationsblut]“

-Paracelsus, 1566

(Warum dies die Männer der Schöpfung nicht schlagartig dazu veranlasste, den Frauen kampflos die Weltherrschaft zu überlassen, ist mir schier schleierhaft. Immerhin dachte man, dass Menstruierende die Fähigkeit haben, Syphilis, Lepra oder die Pest zu verursachen.)

Noch fast 400 Jahre später – im Jahr 1920 – war der Wiener Professor Schick nach einem fragwürdigen Experiment mit seiner menstruierenden Haushälterin, Hefeteig und welkenden Blumen von der Existenz eines Menstruationsgiftes überzeugt. Er gab seiner vermeintlichen Entdeckung den Namen „Menotoxin“.

Erst im Jahr 1958 konnte ein deutscher Arzt beweisen, dass Menstruationsblut völlig unbedenklich ist. Zu dieser Zeit waren der Herzschrittmacher, das Schneemobil und der elektrische Mixer schon erfunden. (Außerdem war meine Mutter schon auf der Welt).

Hätte das nicht ein paar hundert Jahre schneller gehen können?

Denn die Annahme, dass menstruierende Frauen toxische Hautausdünstungen in die Welt pusten und somit überaus gefährlich für kostbare Dinge werden können, hatte sich bereits zentimetertief in die Hirnrinde der Gesellschaft gebrannt. Noch im Jahr 1968 Jahren wurden Frauen aus einem Fotolabor in Baden-Württemberg entlassen, da man annahm, dass Menstruierende durch Hautausscheidungen in Kombination mit Silbersalzen Flecken auf Fotos verursachen. In Italien ist bis heute der Aberglaube verbreitet, dass Tomatensuppe vergammelt, wenn sie von einer Menstruierenden zubereitet wird. Und noch heute gibt es Frauen, die denken, dass sie während der Menstruation keine Früchte einkochen oder Sahne schlagen sollen. (Ich schwöre. Kann man in Online-Kochforen nachlesen.)

Haben wir denn in über 2000 Jahren so wenig dazu gelernt?

 

Quellen:

Hering, Sabine/Maierhof Gudrun (2002): Die unpässliche Frau. Sozialgeschichte der Menstruation und Meontashygiene

Kleine, Heike (2017): Das Tage Buch

Strömquist, Liv (2017): Der Ursprung der Welt.

 

5 Kommentare zu „Warum Frauen noch in den 60er Jahren wegen ihrer Menstruation gefeuert wurden und was Pythagoras damit zu tun hat.

  1. Hallo Franka,
    ich bin über eine Freundin auf Deinen Blog aufmerksam geworden und mus sagen WOW! Chapeau! Toll!
    Gerda das Thema Deiner Bachelorarbeit spricht mich an, denn ich lebe mit einem Nubischen Mann zusammen…und da ist dieses Theme noch wie vor Jahrtausenden…..Dieses, mein Monatsblut – ich nenne es absichtlich Mein Monatsblut, denn ich bin stolz darauf – sei für Ihn das reinste Gift. „Es wäre doch wohl bekannt, dass Männer schon daran gestorben seien, nachdem sie mit besagtem Monatsblut in Berührung gekommen sind“ Ach Herrje…was ist denn nun los….
    Ich habe natürlich angefangen zu lachen, weil mit diese Aussage völlig unverständlich und neu war!

    Es liegt noch viel „Aufklärungsarbeit“ vor uns – und nicht nur für dieses Thema…
    Ganz liebe Grüsse und weiter so, genau so….
    Amina

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  2. Hallo Franka,
    ich bin über eine Freundin auf Deinen Blog aufmerksam geworden und mus sagen WOW! Chapeau! Toll!
    Gerda das Thema Deiner Bachelorarbeit spricht mich an, denn ich lebe mit einem Nubischen Mann zusammen…und da ist dieses Theme noch wie vor Jahrtausenden…..Dieses, mein Monatsblut – ich nenne es absichtlich Mein Monatsblut, denn ich bin stolz darauf – sei für Ihn das reinste Gift. „Es wäre doch wohl bekannt, dass Männer schon daran gestorben seien, nachdem sie mit besagtem Monatsblut in Berührung gekommen sind“ Ach Herrje…was ist denn nun los….
    Ich habe natürlich angefangen zu lachen, weil mit diese Aussage völlig unverständlich und neu war!

    Es liegt noch viel „Aufklärungsarbeit“ vor uns – und nicht nur für dieses Thema…
    Ganz liebe Grüsse und weiter so, genau so….
    Amina

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    1. Liebe Amina,
      danke für deine Nachricht – unfassbar, was du erzählst! Ich habe Geschichten aus Jahrtausende alten Mythologie gelesen, in denen Frauen mit ihrer Vagina Männer den Penis abbeißen. Ähnlich ist die Sache mit dem Gift.
      (Ein Buch, das ich dazu empfehle ist „Vulva: Die Enthüllung des ‚unsichtbaren Geschlechts'“ von Mithu M. Sanyal)
      Das ganze scheint ziemlich tief zu sitzen.

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