Warum wir aufhören sollten, Menstruationsblut mit anderen Körperflüssigkeiten zu vergleichen.

Warum müssen wir bei so vielen Körperflüssigkeiten, die uns peinlich sind, gerade über die Periode offener sprechen?

Zum einen, weil das Tabu große Folgen nach sich zieht.* Zum anderen, weil die Menstruation in Sachen Scham, Ekel und gesellschaftlicher Ablehnung mit den klassischen Ekel-Erzeugnissen des Homo Sapiens nicht gleichzusetzen ist.

Also gut. Gehen wir das ganze Schritt für Schritt durch.

(An dieser Stelle sollte sich die innere Sensationsgeilheit gerade ein spannendes Gefecht mit dem persönlichen Ekelempfinden bieten. Es ist aufschlussreich, versprochen.)

Rotz und Nasenblut

Beim Brötchenkaufen legt man ohne Bedenken eine Packung Taschentücher auf den Bäckertresen. Der Anblick einer großen Box „Super Plus Comfort“ oder extra dicke Binden hingegen würde jeden Bäcker vermutlich schlagartig in den Zustand einer Schockstarre versetzen.

Wenn Blut aus der Nase kommt, eilen erst mal alle mit besorgter Miene und einem Kühlpad herbei. Denn Nasenbluten spricht häufig dafür, das etwas nicht stimmt (entweder man hat zu viel gekokst oder leidet womöglich sogar an einer erstzunehmenden Krankheit). Menstruation ist hingegen eine natürliche Körperfunktion – ein Zeichen für die eigene Fruchtbarkeit und Indikator für Gesundheit.

 

Blut allgemein

Blut steht für körperlichen Einsatz, Kampfgeist und Stärke. In fast jedem Action-Film tritt der Held der Story gegen Ende mit blutverschmierter Miene auf. (Da du wohl offensichtlich mehr Sensationsgier als Ekelempfinden hast, weißt du bestimmt genau, was ich meine). Es scheint die Regel zu gelten: Je mehr Blut, desto besser.

Nicht so bei der Menstruation. In der Werbung für Binden bekommt man lediglich eine seltsam sterile, blaue Flüssigkeit aus einem kleinen Reagenzglas zu sehen. Im Vergleich: Ein aufgeschürftes Knie in der Pflasterwerbung scheint kein Problem zu sein. Irgendwie wird klar: Blut ist nicht gleich Blut. Unabhängig davon, dass das eine nicht im Körper zirkuliert und zu großen Teilen aus abgestoßener Gebärmutterschleimhaut besteht, scheint der Unterschied im Bezug auf unser Ekelempfinden vor allem daran zu liegen, wo es herkommt: Nämlich überall, nur nicht aus der Vagina.

 

Schweiß

Ein wichtiges Merkmal der Menstruation: Sie lässt sich nicht steuern. (Außer durch hormonelle Verhütung oder operatives Entfernen des Uterus).

Eine andere Körperflüssigkeit, die unangenehm riecht und auf deren Erscheinen man kaum Einfluss hat, ist Schweiß. Doch denken wir an Redewendungen wie „im Schweiße meines Angesichts“ oder „ganz schön ins Schwitzen kommen“ merken wir: Schweiß ist gesellschaftlich völlig akzeptiert. Fitnessstudios und Baumärkte werben damit. Es ist ein Zeichen von körperlicher Anstrengung, (sexueller) Aktivität und physischer Schaffensfähigkeit.

 

Scheiße

Kommen wir zu einem etwas heikleren Kandidaten. (Du bist immer noch dabei! Du Schwein!)

Auch wenn uns Guilia Enders erstaunlich unekelig den Charme des Darmes nähergebracht hat: Kacken oder das Produkt dieser oft als peinlich empfundenen Tätigkeit hat nicht gerade den appetitlichsten Ruf. Das sehe ich ein.

Allerdings ist „Kacken“ im Gegensatz zu „Menstruieren“ kein vorübergehender Zustand, dem man sich zwischen drei und fünf Tagen unaufhaltsam hingibt (Magen-Darm-Infektionen ausgeschlossen – wobei wir aber wieder bei Krankheiten sind). Außerdem wird Kacken von vielen (berechtigterweise) als tägliches Erfolgserlebnis empfunden und auch genau so kommentiert – aus meiner eigenen Erfahrung behaupte ich, dass dies überwiegend bei männlichen Toilettengängern zu beobachten ist. Während sich manche Männer stolz damit brüsten, heute mal wieder lupenreinen „Diamant“- oder „Goldschiss“ gehabt zu haben und mit kindlich, freudianischer Begeisterung das „Scheiße-Quartett“ spielen, lernt man als Frau, dass man solche körperlichen Funktionen zwar hat, dies aber selbst unter Folter nicht zugeben soll. Frauen scheißen nur Rosenblätter. Ist so. Der Akt des A-A-machens wird irgendwie als Symbol männlichen Schaffens und biologischer Produktionsfähigkeit gesehen.

Dass Kacken vom kulturell eingebrannten Peinlichkeitsfaktor nicht an Menstruieren herankommt, beweist, dass der Kauf von Toilettenpapier laut Umfragen insgesamt nur jedem 10. Menschen unangenehm ist. Scham beim Kauf von Tampons und Binden empfindet hingegen jede 5. Frau und fast jeder dritte Mann. Ich frage mich wirklich, was ausgerechnet in den Köpfen dieser 29 männlichen Prozent vorgehen, die sich unwohl fühlen, ihrer Freundin, Schwester oder Mutter in einem menstruativen Notfall behilflich zu sein. Oh Gott! Dass ja keiner erfährt, dass meine Freundin fruchtbar ist! Wie peinlich!!

 

Sperma

Was ist mit Körperflüssigkeiten, die nur Männer produzieren? Wie peinlich ist Sperma?

Unabhängig davon, dass in fast allen Pornos dieses männliche Erzeugnis geradezu auf dem physiologischen Präsentierteller in Szene gesetzt wird (wie zum Beispiel im Gesicht einer Frau, was ich mir aus natürlich biologischer Sicht nicht erklären kann. Pornos mit Periode findet man hingegen nur unter der Fetisch-Unterkategorie):

Der Samenerguss ist Produkt des Orgasmus, dem Körperempfinden mit dem wahrscheinlich besten Ruf aller Zeiten. Menstruation ist hingegen oft mit Schmerzen in Kopf und Unterleib, Übelkeit oder Depressionen verbunden – abgesehen davon, dass Menstruation per se nichts mit Geschlechtsverkehr zu tun hat und auch nicht zur Verhütung dient, wie jedoch mehr als die Hälfte der Schüler zwischen 13 und 17 Jahren glaubt. Außerdem können auch 30 Prozent der Frauen ejakulieren.

Fakt ist: Es gibt kein männliches Körperflüssigkeitsequivalent.

 

Warum verheimlichen wir die Menstruation?

Die Menstruation passiert nur Menschen mit Uterus, also rund 50 Prozent der Weltbevölkerung. Dass die negative Sichtweise auf diese mal mehr und mal weniger feierliche Blutung ausgerechnet diejenige Hälfte der Menschheit betrifft, die über Jahrtausende hinweg als „schwächeres Geschlecht“ oder „missglückter Mann“ abgetan wurde, ist kein Zufall.

Die Heilige Hildegard von Bingen (römisch-katholische Kirche) beschreibt die Menstruation als Strafe für die Verfehlung Evas – dank ihrer Langfingrigkeit im Paradies in Kombination mit dem System der Erbsünde bluten also alle Frauen ein mal im Monat über einen Zeitrau von ca. 40 Jahren. Na toll.

Aber nicht nur die Kirche, auch große Persönlichkeiten der Philosophie und Medizin haben seit dem Anbeginn der Naturwissenschaften die Menstruation nicht gerade in das sonnigste Licht gestellt. Schon Plinius der Ältere (ca. 50 nach Christus) sah in der Menstruation die Auslösern für das Welken von Blumen und sogar das Bienensterben. Außerdem verbreitete sich gerade im Mittelalter die Annahme, dass Menstruationsblut giftig sei. Dass sei doch Schnee von vorgestern?

Noch heute wird die Menstruation in Teilen der Welt für eine Krankheit gehalten. Und noch heute gibt es Frauen, die denken, dass Essen schlecht wird, wenn sie es während der Menstruation zubereiten. Als wären sie vom Teufel besessen!

Neben den Beschwerden, die viele Menstruierende haben, kommt auch noch der soziale Zwang der Geheimhaltung und psychologische Belastung dazu, auf keinen Fall als schmutzig aufzufallen – gerade vor Männern.

Das Schamgefühl, das mehr als die Hälfte der Frauen weltweit (Deutschland nicht ausgeschlossen) verspürt, wenn sie menstruiert und das sie in sozialen Situationen hemmt, ist nicht vergleichbar mit der Peinlichkeit, die anderen Körperfunktionen mit sich bringen könnten. Sie wurde im Rückblick auf die Kulturgeschichte häufig dafür genutzt, um Vorstellungen von weiblicher Minderwertigkeit oder Fehlerhaftigkeit zu symbolisieren und zu rechtfertigen. Auch wenn uns das nur unterbewusst klar ist. Wir haben gelernt, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Das ist das Problem.

„Die tiefe Angst, als unrein zu gelten und von anderen unrein gehalten zu werden, ist nicht allein mit unseren Vorstellungen von Hygiene und Körperpflege zu erklären. Die Menstruation fungiert […] als Symbol für die angeblich naturgegebene Minderwertigkeit der Frau gegen über dem Mann. Er ist heute der Maßstab für körperliche und soziale Reinheit wie schon seit Jahrtausenden, und es ist daher nur folgenrichtig, dass eine Frau ihre Regel […] –zumindest äußerlich – zum Verschwinden bringt.“

-Blume/Schneider (1984) in „Die Regel: Eine herbeigeredete Krankheit“, S.43

Ich appelliere nicht an Menstruierende, die blutgetränkte Binde goldgerahmt über den Fernseher zu hängen oder den Weihnachtsbaum bei Galeria Kaufhof mit benutzten Tampons zu schmücken (auch wenn dies dank der Schnur gut funktionieren würde – ich hätte außerdem persönlich nichts dagegen).

Fangt einfach an, normaler mit der Menstruation umzugehen, schränkt euch nicht zusätzlich ein und lasst euch nicht stigmatisieren. Und bitte verbannt solche Sprüche wie „Die hat doch ihre Tage“ für immer aus eurer Hirnrinde. Der Gleichstellung zu Liebe.

 

*siehe Beitrag zur Period Poverty

 

+++

Foto: Tanja Heffner

4 Kommentare zu „Warum wir aufhören sollten, Menstruationsblut mit anderen Körperflüssigkeiten zu vergleichen.

  1. Sehr guter Blog! Ich menstruiere seit 25 Jahren und erst jetzt habe ich einen unkomplizierten und unaufgeregten Zugang dazu. Vorallem weil ich meiner Tochter ein gutes Vorbild sein will.
    Lg

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  2. Ich musste meine eigene Hochzeitstorte backen. Meine Freundin, die das eigentlich machen wollte, sah sich wegen ihrer Menstruation dazu nicht in der Lage. Sie meinte, die Buttercreme würde gerinnen. Echt jetzt. Ich also einen Tag vor der Hochzeit eine dreistöckige Torte gebacken. Wie kann man sowas heute noch ernsthaft glauben. Es sind ja nicht nur Männer, die blöde Sprüche machen. Die Frauen selbst, die es doch besser wissen müssten, verhalten sich sehr unsolidarisch.

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    1. Hallo Biene! Das ist wirklich unglaublich – und tut mir wirklich Leid für dich! Für das Gerücht mit dem Schlechtwerden von Essen ist Plinius der Ältere bestimmt in einer dreistöckigen Buttercreme-Hölle gelandet (kleiner Witz). Darf ich fragen, wann, also in welchem Jahr, du geheiratet hast?

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